medica goes vorklinik

Offener Brief an einen Kommilitonen

Ich bin wütend. Ich will es nicht hören, ich will nicht zuhören.
Ich bin wütend. Ich weiss nicht was ich sagen soll.

Ich weiss, dass du Zweifel hast. Ich hab sie doch auch!
Jeder hat sie! wir alle!

Was tu ich hier? Ich schaff das nie! Diese Masse!
Das ganze Wissen! Mein Kopf hat keinen Platz dafür!

Aber wovor haben wir eigentlich wirklich Angst?
Warum haben wir überhaupt Angst?

Angst zu versagen, zu enttäuschen? Wen denn?
Wenn nur uns selbst und selbst das ist kontrovers.
Warum haben wir immer das Gefühl alles immer sofort schaffen zu müssen?
Durchfallen: Unmöglich.
Aber warum denn nicht?
Wie viele von denen vor uns haben es wirklich beim ersten Anlauf geschafft? 20%?
Warum wird uns immer wieder suggeriert,
dass ein Misserfolg gleich Versagen ist?
Warum dürfen wir uns nie Zeit nehmen,
warum muss ich immer fremden Erwartungen gerecht werden?
Warum suggeriert uns jeder Angst, nicht Optimissmus?

Ich kann´s dir nicht beantworten, und ich kann auch nicht abstreiten, dass ich selbst in dieser Schleife stecke.
Wie werde ich meiner Mutter, meinem Partner, meinen Kindern gerecht?
Ich hab doch keine Zeit durchzufallen, ich bin zu alt um aufzuschieben!
Und am meisten muss ich es mir selbst beweisen! Immer wieder!
Weisst du wie das zerrt?
Schön ist das nicht und auch nicht der richtige Weg.
Würden wir uns nicht so unter Druck setzen (lassen),
könnte alles viel leichter sein.
Würden wir nicht ewig nur auf die Horrorgeschichten hören,
könnten wir uns selbst ein Bild machen
und würden vielleicht sogar erkennen, dass es machbar ist.
Hart, aber machbar.

Die andere Seite ist, ob wir überhaupt dafür gemacht sind.
Ganz umsonst gibt es diesen Numerus clausus nicht.
Wer nie für´s Abi oder einen Ausbildungsabschluss arbeiten musste,
kann die Masse an Lerneinheiten wahrscheinlich gar nicht bewältigen.
Und wer die Persönlichkeit nicht hat, wird nie ein guter Arzt und nie erfolgreich sein.
Dem wird nie ein Patient vertrauen, und darauf kommt es an.

Also sieh dich an:
Was davon findest du in dir?

Ich sag dir was ich in dir finde:
Du sagst, dass das alles zu viel sei;
dass du es nicht schaffen kannst und Prüfungen nicht bestehen wirst.
Dass du erst in der Klinik zeigen kannst wer du bist
und dass du daran zweifelst es bis dorthin zu schaffen.

Ich weiss, dass ich im Moment sagen kann was ich will,
dass du mir nicht glauben willst, aber damit es dir mal jemand laut sagt:

Du bist das nicht. Du bist nicht die Angst, die du hast.
Ich weiss, dass es schwierig ist und dass du zweifelst,
aber ich weiss auch, wie sehr du es verdient hast und dass du ein guter Arzt sein kannst.
Dass man dir vertrauen kann.

Und selbst wenn es mehr als zwei Jahre dauert bis du in deiner heissgeliebten Klinik bist,
das ist kein Versagen, es dauert nur länger und sagt nichts über dich aus.

Ich mag dich, weil du mir und deinen Mädels Optimissmus schenkst,
hilfreich bist und ein wundervoller Mensch.
Weil du du bist!

Du darfst das nicht aufgeben; nicht, weil du Angst hast.
Denn dass du genau dafür gemacht bist; für diesen Kittel,
dieses Schild auf dem dein Name mit Dr. davor steht
und jeden einzelnen Patienten, den du wie uns jeden Tag anlächelst,
steht ausser Frage.

Bitte, nimm dir Zeit und schieb deine Angst zur Seite.
Sieh dich doch mal an und frag dich eines:
Wofür mache ich das, wovor und warum habe ich diese Angst?
Und du wirst erkennen, dass du keinen Alternativplan brauchst.

Ich hab dich lieb und du hast meine volle Anerkennung und Unterstützung.
Wir können das schaffen. Du, ich und wir zusammen.

Deine medica

1 Kommentar 17.1.10 22:17, kommentieren